Die Bildkritik

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DER EINSTIEG IN DIE BILDBEURTEILUNG

Zunächst einmal möchte ich dir sagen, dass die Bildbeurteilung zum Teil auch immer im Auge des jeweiligen Betrachters liegt. Von daher kann ich hier nur meine Sicht der Dinge wiedergeben. Nichts davon ist in Stein gemeisselt. Aber es soll dir einen Einstieg in die Materie erleichtern.


Was ist eine Bildkritik?

Jeder, der sich täglich Fotos anschaut, übt bewußt oder unbewußt eine Art Bildkritik aus: Du schaust auf ein Foto und entscheidest in 1-3 Sekunden, ob dir das Bild gefällt oder nicht. Diese Entscheidung triffst du meist aus dem Bauch heraus. Wie du dich entscheidest liegt meist an deinen bisherigen Erfahrungen, die du gemacht hast. Dafür ein Beispiel:

Du magst Hunde. Dann wirst du ein süßes Hundewelpenbild sicherlich positiv bewerten. Wenn du keine Hunde magst, dann wirst du sicherlich auch  generell keine Hundebilder mögen. So einfach ist das.

Damit ist aber auch klar, das jeder (je nach seinen Erfahrungen) ein Bild anders bewertenkann. Aber das ist eine emotionale Entscheidung. Dazu kommen wir gleich noch einmal zurück.

Wenn du eine Bewertung deiner (oder auch fremder) Bilder vornimmst, nimm dir Zeit für deine Konstruktive Kritik. Willst du fremde Bilder bewerten, dann mach das nicht ungefragt, sondern nur, wenn du um deine Meinung gebeten wirst. Nicht jeder kann mit Kritik umgehen und der Ein- oder Andere nimmt eine Kritik dann schnell persönlich. Jedes Bild das man zeigt, hat man letztendlich selbst ausgewählt, weil man davon überzeugt ist – und oft sucht man eben nur die eigene Bestätigung – und keine Bildkritik.

Wenn du eine Bildkritik übst (oder dein Bild bewertet wird), dann denke immer daran, das immer nur das Foto und niemals der Fotograf selbst kritisiert wird!

Bevor wir zu den 5 Arten der Bildkritik kommen, würde ich dir noch gerne noch etwas mit auf den Weg geben: „Tolles Bild“ oder „Schlechtes Bild“ ist für mich keine Bildbeurteilung. Es ist mehr ein subjektives Lob (oder ein Tadel).

Der erste Schritt für eine vernünftige Bildkritik besteht für mich darin, dass Bild zu betrachten und kurz und sachlich zu beschreiben. Das sorgt einerseits dafür, dass man sich selbst das Bild nicht nur oberflächlich ansieht, sondern es tatsächlich genau betrachtet. Andererseits vermittelt es dem Gegenüber auch, dass man sich auf sachliche Weise mit seinem Foto auseinandergesetzt hat.

Doch kommen wir nun zu den 5 Dingen, die man an einem Bild beurteilen könnte:


1. Der Zweck des Bildes

Es gibt Fotos, die einem bestimmten Zweck dienen bzw. ein bestimmtes Ziel verfolgen. Du kannst z.B. deine Stadt portraitieren, weil du dazu den Auftrag des Bürgervereins bekommen hast. Oder du möchtest für eine Zeitschrift einen Artikel über „Reich und Arm“ schreiben.

Wenn du den Zweck eines Fotos kennst, dann kannst du die Erfüllung (oder Nichterfüllung) des Ziels mit in die Bewertung einfliessen lassen. Wenn du den Zweck nicht kennst, so kannst du dem Fotografen dennoch einen Hinweis geben, für was sich dieses Foto eignet (oder nicht).

Beispiel:
Du machst ein leicht unscharfes Foto eines Kleinkindes, welches mit Schokokuss verschmiertem Mund in die Kamera grinst. Für dich ist es ein tolles Foto, weil du den Moment miterlebt hast – du hast eine emotionale Verbindung zu diesem Augenblick.

Dieses Bild eignet sich aber höchstens für dein persönliches Familienalbum und nicht für eine überregionale Fotoausstellung. Denn dem Betrachter fehlt die emotionale Bindung und er sieht nur ein unscharfes Bild einer gewöhnlichen Situation.

Hier könntest du dann schreiben, das sich das Bild für das eigene Album eignet, aber nicht für einen Druck in einem Hochglanzmagazin. Aber bitte begründe immer, warum du dieser Meinung bist!


2. Der Inhalt 

Betrachte das Bild eingehend. Was ist abgebildet? Erkennst du ein klares Hauptmotiv auf dem Foto?

In diesem Punkt geht es nur um das „Was“. Was ist abgebildet? Was ist das Hauptmotiv? Was ist die Bildaussage?

Auch in die Bewertung mit einfliessen lassen könnte man die Frage „wie ist das Bild wohl entstanden?“  Eher zufällig, geplant oder doch kontrolliert? Hast du Erfahrungen die vielleicht eine Verbesserung bringen würden?


3. Die technische Umsetzung

Hier geht es tatsächlich um die technische Umsetzung des Bildes.

Hat das Foto einen Schärfepunkt und liegt dieser auf der richtigen Stelle? Gibt es ungewollte Bewegungsunschärfe?

Ist das Foto richtig belichtet? Gibt es keine ungewollte Unter- oder Überbelichtung?

Gibt es sonstige Mängel in Sachen Brennweite, Verschlusszeit oder Blende? Oder fällt dir generell etwas negativ/positiv im Foto auf?


4. Der Bildaufbau / Die Bildgestaltung

Dieser Punkt ist meistens der Umfangreichste und erfordert schon etwas Grundwissen in der Bildgestaltung, wenn du wirklich konstruktive Kritik üben möchtest.

Welches Format wurde gewählt?
Liegt das Bild im Hoch-, Quer- oder Quadrat-Format vor? Unterstützt das verwendete Format die Bildaussage?

Welcher Bildausschnitt wurde gewählt?
Du kennst solche Begriffe wie Totale, Weitwinkel, CloseUp, Detailausschnitt etc. bereits aus der Filmbranche. Passt der Bildausschnitt zum Motiv / zur Bildaussage? Oder hätte man mit einem anderen Bildausschnitt mehr Wirkung erzielen können?

Gibt es störende Elemente im Bild? Hierzu zählt alles, das den Blick vom Hauptmotiv ablenkt.

Sind Linien oder Formen im Bild erkennbar? Diese können sichtbar oder auch unsichtbar sein. Wichtig sind solche Linien für eine Blickführung des Betrachters, denn der Blick soll ja für längere Zeit im Bild gehalten werden.

Welche Komposition-Regeln sind erkennbar? Gibt es Symmetrien oder Asymmetrien? Wurde der goldene Schnitt berücksichtigt, um das Bild interessanter zu gestalten? Welche anderen Regeln fallen dir im Bild auf?

Welche Perspektive wurde gewählt? Ist das Bild aus der Normal-, Frosch- oder Vogelperspektive aufgenommen? Hätte man eine andere Perspektive wählen können, um die Bildaussage zu verstärken?

Passt die Lichtstimmung zum Motiv? Oder hätte man zu einer anderen Tages-/Jahreszeit ein besseres Bild machen können? Ist das Licht zu flau oder zu hart?

Wurde die Wahl des Voder- und Hintergrunds gut gelöst? Gibt es überhaupt einen Vordergrund und einen Hintergrund? Ist der Hintergrund (z.B. bei Portraits) unscharf und blendet somit unwichtige Dinge aus?

Ist bei Naturbildern der Horizont gerade ausgerichtet? Wurde die Frage „wohin mit dem Horizont“ gut gelöst (das heißt, hat der spannendere Teil mehr Raum im Bild?)?

Welche emotionale Wirkung wird hervorgerufen? Dabei geht es u.a. um die Farbgestaltung.  Sind die Farben harmonisch oder eher komplementär? Passt die Stimmung zu meiner Bildaussage?

Sind ausreichend Kontraste (Helligkeitskontraste, Farbkontraste, Formenkontraste etc.) vorhanden?


5. Die Bildbearbeitung

Eine Bildbearbeitung ist (wenn sie gut gemacht ist) meistens nicht erkennbar. Nur wenn sie schlecht gemacht oder übertrieben wird, dann fällt sie dem Betrachter oft (negativ) auf.

Daher bearbeite dein Bild immer so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig!

Die Bildbearbeitung ist quasi das Sahnehäubchen für dein Foto. Du kannst aus einem guten Foto damit ein brillantes Foto machen – aber niemals machst du aus einem schlechten Foto ein gutes Foto.


FAZIT

Bleibe bei der Bildkritik immer sachlich. Lerne aus Bildkritiken, die du erhältst. Am besten gibst du eine Kritik immer in der „Ich“-Form (wie z.B. „ich finde…“, „meiner Meinung nach…“, „für mich ist…“ etc.). Diese Form gilt dann eher als Einzelmeinung und wird leichter akzeptiert. Kritisiere immer das Bild – niemals den Fotografen!

Kritik ist nichts Schlechtes – du kannst daraus lernen und somit besser werden (und das sollte ja dein Ziel sein)!

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